Elias in St. Benedikt, Ebenhausen (26. Oktober 2008)
Kammerchor München, Münchner Mozart-Orchester
Martina Welschenbach, Claudia Schneider, Robert Sellier, Tobias Berndt
Leitung: Philipp Amelung


Süddeutsche Zeitung, 28. Oktober 2008

Vom Zweifel zum Glauben

Weltentrückt und doch bedrohlich
Philipp Amelung eröffnet mit Mendelssohns „Elias“ den Ickinger Konzertzyklus
von Marco Frei

Ebenhausen/Icking: Es schwankt der Glaube, das Volk zweifelt. „Will denn der Herr nicht mehr Gott sein in Zion?“ Diese Worte singt der Chor zu Beginn des Oratoriums „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Gründe für den Gotteszweifel sind Dürre und Hunger. Bis zum schlussendlichen „Herr, unser Herrscher“ ist es ein weiter Weg, der alttestamentarische Prohet Elias hat viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Davon handelt das zwischen 1836 und 1846 entstandene Werk Mendelssohns. Mit dem „Elias“ wurde am Sonntag in Sankt Benedikt in Ebenhausen der neunte Ickinger Konzertzyklus eingeläutet.
Schon jetzt konnte Bürgermeisterin Margit Menrad eine erfreuliche Zwischenbilanz für den diesjährigen Konzertzyklus verkünden. So sei der Vorverkauf zum ersten Konzert noch besser gelaufen als im Vorjahr, einen größeren Erfolg habe man zudem mit dem Abo für den gesamten Zyklus erzielt.
Die künstlerische Zwischenbilanz ist nicht minder erfreulich: Unter der Leitung von Philipp Amelung war ein „Elias“ zu erleben, der noch lange nachklingen wird. Nicht zuletzt hat Amelung ein vortreffliches Musiker- und Gesangensemble zusammengetrommelt.
Ob der sonore „Elias“ Tobias Berndt (Bass), der samtige Tenor von Robert Sellier oder die Brillanz von Martina Welschenbach (Sopran): Bessere Solisten kann man sich für den „Elias“ kaum denken, was vor allem für Claudia Schneider (Alt) gilt. Mit einnehmender Ausdrucksvielfalt und Präsenz rang sie ihren ausgedehnten Partien bleibende Hörerlebnisse ab. Der Kammerchor München hielt mit exzellenter Textverständlichkeit und glasklarer Stimmtransparenz dagegen. Ein Höhepunkt wurde das Engelsterzett, das weltentrückt von der Orgelempore durch den Kirchenraum hallte.
Feinsinnige Klangerlebnisse garantierten schließlich die Spitzenmusiker des Münchener Kammerorchesters, die für dieses Konzert mit dem Münchner Mozart Orchester musizierten. Die schlanke Phrasierung, der behutsame Einsatz des Vibratos sowie die konsequente Ausgestaltung von Effekten und Kontrasten verlebendigten Mendelssohns Idee einer Klangrede und naturalistischen Dramatik. Bedrohlich polterte das Erdbeben, das mehrmalige „Gib Antwort, Baal!“ des ungläubigen Heidenchors verstummte in scheidender Stille. Deutlich knüpft Mendelssohn an Bachs Passionen an, für sie hatte er sich stets stark gemacht.
Umso mehr verstört das von Mendelssohn nur am Rande behandelte Abschlachten der Propheten des „Heidengottes“ Baal. Während die Todesgefahr des Propheten Elias reich ausgestaltet wird, schweigt sich die Musik hierüber nahezu aus. Dabei fordert Elias persönlich das Volk zu diesem Massenmord in Gottes Namen auf: „Führt sie hinab an den Bach und schlachtet sie daselbst“, ruft er.
Ruckzuck ist dies Episode vorüber, dramatische Steigerungen bleiben aus. Weil Mendelssohns Musik dieses unbarmherzige, fanatische Treiben nicht kommentiert, macht sie sich geistig mitschuldig. Auch das ist Mendelssohns „Elias“.


Isar-Loisachbote Datum: 29. Oktober 2008

Inbrünstig und dramatisch
Mit dem Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy zum Auftakt des Ickinger Konzertzyklus’ bestätigte die Reihe am Sonntag ihr hohes Niveau.
von Claudia Köstler

Ebenhausen – Wer von Mendelssohn Bartholdy nur die „Italienische Sinfonie“ oder den „Sommernachtstraum“ kennt, mag es kaum glauben, dass derselbe Komponist ein Mammutwerk wie den „Elias“ geschrieben hat. Doch Mendelssohn Bartholdy war eben nicht nur Salonmusiker der leichten Muse und Wiederentdecker von Bach, er knüpfte zumindest mit dem „Elias“ auch an seinen großen Vorgänger an. Dass er das Zeug zum Operndramaturgen besaß, darüber besteht kein Zweifel. Doch genau hier ist der einzige Zweifel zu finden, der sich während des knapp dreistündigen Konzertes in der voll besetzten Kirche zu Ebenhausen einschlich: Das Oratorium als verkappte Oper hätte – rein akustisch betrachtet – besser in einen Konzertsaal als in die Kirche gepasst, denn die Wucht des gesamten Instrumentariums war gelegentlich einfach etwas übersteigert. Doch abgesehen von diesem Einwand gelang es dem Münchner Mozart Orchester, dem Kammerchor München sowie den Solisten Martina Welschenbach, Claudia Schneider, Robert Sellier und Tobias Berndt unter der Leitung von Philipp Amelung die Prophetengestalt Elias zum Leben zu erwecken. Und das in Szenen, die zwar keine durchgehende epische Handlung ergaben, aber von einer unwiderstehlichen dramatischen Wirkung waren und sowohl die kämpferischen, ja blutrünstigen wie auch visionären Seiten des Propheten zeigten. Amelung schürte konsequent das dramatische Feuer und hielt es mit nie nachlassendem, anstachelndem Dirigat durch die ganze Aufführung hindurch am Lodern. Chor, Orchester und Solisten spannten so einen eindrücklichen Bogen vom Auftreten des Elias bis zu seiner Himmelfahrt. Der Chor bestach durch Klangsattheit und Beweglichkeit. Und trotz gelegentlicher Intonations-schwächen war er mächtig motiviert in den vielen Szenen, in denen das wankelmütige Volk zum Handlungsträger wird, und sich zu manchmal martialischen Ausbrüchen hinreißen lässt. Klagen und Bitten drückte der Chor unmittelbar aus, das Orchester hob es noch hervor: Der laute Ruf des Volkes wurde durch Bläser und Pauke verstärkt, seine Verzweiflung mit der Wucht des gesamten Instrumentariums hinausgeschrien. Mit religiöser Innigkeit hingegen beschrieb der Chor Elias’ Erfahrungen und Gottes Taten. Der Bassbariton Tobias Berndt gab einen souveränen Elias. Mit seiner warmen Stimme baute er Spannung und Dramatik auf, mal als gequälter Prophet, als Hoffnungsträger oder als überzeugter Kämpfer für seinen Herrn und gab auch den zornigen und eifernden Zügen des Propheten klangmächtig Profil. Chor und Orchester begleiteten ihn einfühlsam, was besonders in den Rezitativen mit dem Chor zum Tragen kam. Der Tenor Robert Sellier sang mit faszinierender Stimme im Stil eines objektiven Beobachters, Sopranistin und Altistin klangen rein und offen. Den krönenden Abschluss bildete die Ankündigung der Morgenröte und das Loblied auf die Herrlichkeit Gottes, gefolgt vom Amen, das den gesamten Kirchenraum erfüllte.

 

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